Das Werkzeug „Wahnsinn“

Das Werkzeug „Wahnsinn“

Seien wir mal ehrlich: So lange sich eine Figur normal verhält, ist sie langweilig. Es gibt vermutlich nichts Langweiligeres als das alltägliche, gleichförmige Leben. Vielleicht suchen wir deshalb als Leser oder Zuschauer nach faszinierenden Figuren? Sind Literatur und Film dazu da, dem Alltagstrott zu entfliehen? Wenn dem so wäre, dann sollten sich Autoren daran halten, alltagsferne und ganz besondere Figuren zu erschaffen.

Übermut oder „Hybris“ ist – bereits seit der griechischen Antike – der emotionale Antrieb einer dramatischen Figur. Wer übermütig ist, der agiert auf jeden Fall fern des Alltäglichen. Übermütiges Handeln führt – und das ist offensicht­lich – zu interessanten Figuren. Übermut ist eng mit „Leidenschaftlichkeit“ verwandt. Wenn man den Übermut ausgehend von der Leidenschaftlichkeit steigert, dann gelangt eine Figur schnell auf das Terrain der „Überschwänglichkeit“ bis hin zum „Wahn“. All das hat mit Übermut im engeren und weiteren Sinne zu tun. Wahnhafte Figuren sind wohl die schillerndsten Charaktere der Weltliteratur und von besonders erfolgreichen Filmen.

Charles Foster Kane aus „Citizen Kane“ lebt in einer Welt aus Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit. Scarlett O’Hara, die Hauptfigur von „Vom Winde verweht“ lebt in einer Fixierung auf einen Mann, die man als wahnhaft bezeichnen kann. Raskolnikow aus „Schuld und Sühne“ lebt im Wahn, anderen Menschen überlegen zu sein. Das Geschöpf Gollum aus „Der Herr der Ringe“ (2001-2003) ist besessen vom Besitz eines Ringes. Der Joker aus dem Batman-Film „The Dark Knight“ (2008) ist ein zerstörungswütiger, krimineller Psychopath. Darth Vader aus der „Star Wars“-Reihe ist ein abgrundtief hassender Gefolgsmann des Imperators.

Sie sehen: Große Literatur und große Filme stellen sehr häufig Figuren mit extremen Gefühlen in den Mittelpunkt, geboren aus Übermut. Ich will versuchen, diese Gefühle genauer zu untersuchen. Für mich ist der Ausgangspunkt der Überlegung das Gefühl der „Leidenschaft“, das jede charismatische Figur besitzen sollte. Doch allein leidenschaftliche Figuren eignen sich meiner Ansicht nach nicht für ganz große Kinofilme oder große literarische Werke. Für besondere Werke sollte die Leidenschaft noch gesteigert werden. Eine Steigerung könnte in etwa so aussehen …

1. Leidenschaft und Begeisterung

2. Schwärmerei

3. Überschwänglichkeit

4. Wahn

Die vier Steigerungsstufen dienen lediglich einer ungefähren Orientierung für die Entstehung eines wahnhaften Charakters. Diese Steigerung stellt auf jeden Fall auch eine Form der Figurenentwicklung dar. Untersuchen wir hierzu den Film „Citizen Kane“. Der reiche Erbe Charles Foster Kane ist ein charismatischer, leidenschaftlicher Mensch, der gerne durch die Welt reist und Kunstobjekte sammelt. Mit dem Kauf einer Zeitung fängt er Feuer und schwärmt für etwas. Er ist begeistert vom Zeitungswesen und wird bald zum größten Medienunternehmer der USA. Doch irgendwann kippt die Stimmung und er liebt überschwänglich eine Sängerin (Susan Alexander). Er lässt sich von seiner ersten Frau scheiden und baut Susan im Wahn ein Opernhaus, denn er vergöttert sie. Letztlich stirbt Kane einsam und verlassen in seinem großen Palast voller Kunstschätze.

Bedeutende Bösewichter wie „Darth Vader“, „Hannibal Lecter“ oder der „Joker“ hingegen beginnen nicht auf der Stufe der Leidenschaft, sondern leben bereits zu Beginn der Handlung dem Irrsinn nahe. Sie töten rücksichtslos Menschen und versuchen ihren Einfluss und ihre Macht ständig zu vergrößern. Eine Steigerung ihres Wahns ist nicht mehr nötig, höchstens hinsichtlich ihres Hasses gegenüber den noch normalen Personen in ihrem Umfeld.

Was ist es, das Zuschauer und Leser an wahnhaften Figuren interessiert? Ist es, weil vielleicht jeder Mensch selbst ein Stückchen „verrückt“ ist? Hat nicht jeder manchmal abwe­gige, verrückte Gedanken? Oder ist es der Nervenkitzel, der entsteht, wenn andere Menschen unter wahnhaften Figuren leiden müssen? Vielleicht ist es aber auch das Interesse an dem Prozess, wie sich eine Figur zum Wahnsinnigen entwickelt? Das wäre dann ein Interesse am Verlauf einer Krankheit.

Ja, man kann den Wahnsinn vieler Figuren tatsächlich als krankhaft bezeichnen und meistens sogar mit einer konkreten Krankheit benennen. Ich möchte hierzu eine kurze Aufstellung[i] machen …

Charles Foster Kane aus dem Film „Citizen Kane“ leidet unter Narzissmus.

Raymond Babbitt aus dem Film „Rain Man“ leidet unter Autismus.

Das Mathematikgenie John Forbes Nash Jr. aus „A Beautiful Mind“ (2001) leidet an Schizophrenie.

Norman Bates aus dem Film „Psycho“ (1960) leidet an einer Identitätsstörung.

Und der Schriftsteller Melvin Udall aus „Besser geht’s nicht“ (1997) leidet an einer Zwangsstörung und muss sich ständig die Hände waschen.

 Viele bedeutende Charaktere der Weltliteratur und erfolgreicher Filme zeigen eine psychische Störung. Manche steigern sich während der Handlung in einen Wahn, andere hingegen leben bereits von Handlungsbeginn an in einem solchen. Wer faszinierende und wirklich überhöhte Figuren entwickeln möchte, für den lohnt sich also eine Beschäftigung mit den Symptomen psychischer Störungen, um seiner Figur etwas Abnormales und Furchteinflößendes zu verleihen.

Extrem leidenschaftliche und wahnhafte Figuren kommen jedoch in der Komödie nicht so häufig vor wie in ernsten Filmen und Romanen. In der Komödie gibt es vielfach Charaktere, die durchschnittlich sind. Gerade über diese Durchschnittstypen (und ihre Schwierigkeiten im Leben) lässt sich vortrefflich lachen. Man sollte es zwar nicht in Stein meißeln, aber man kann eine klare Tendenz ausmachen: Ernste Filme und Romane verlangen nach extremen und leidenschaftlichen Charakteren. Komische Werke sollten eher von durchschnittlichen Figuren handeln. Dies kann Ihnen als Orientierung dienen. 


[i] https://www.tv-media.at/videos/psycho-filme
(abgerufen am 4.12.2019)


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