Figurenentwicklung über ein Dilemma

Figurenentwicklung über ein Dilemma

Jeder will beim Lesen oder auf der Leinwand Charaktere erleben. Kaum ein Leser oder Zuschauer begnügt sich mit eindimensionalen Figuren. Natürlich können Sie nicht jede Figur Ihres Drehbuchs oder Ihres Romans im Detail ausgestalten. Deshalb werden die meisten Nebenfiguren typisiert. Typen sind zum Beispiel „der treue Diener“, „die nette Verkäuferin“ oder „der skeptische Freund“. Für Nebenfiguren wird zur Charakterisierung nur eine einzige Eigenschaft herangezogen.

Wenn bestimmte Figuren größere Bedeutung und eine echte charakterliche Tiefe erlangen sollen, dann stürzen Sie sie in ein Dilemma. Wer ein Dilemma besitzt, muss sich in irgendeine Richtung entwickeln. Eine Figur, die sich entwickelt, wirkt interessant und vielschichtig.

Was aber ist konkret ein Dilemma? Ein Dilemma ist eine Situation, in der sich jemand entscheiden muss – für die eine Seite oder für die andere. Eine Person steckt in einer Zwangslage und muss sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden, die gleichermaßen schwierig sowie unangenehm sind. Demnach ist das Dilemma eine Situation, die zwar mehrere Auswege bietet, von denen allerdings keiner zum gewünschten Ergebnis führt.[i]

In einem Dilemma zu stecken ist ein wesentliches Kennzeichen von herausragenden Figuren in Film und Literatur.

Ich möchte Ihnen das anhand von ein paar Beispielen erläutern …

In dem Liebesdrama „Titanic“ wird Rose in ein Dilemma geführt, das eine zentrale, spannende Frage beinhaltet. Für wen soll sich Rose in ihrer Liebe entscheiden: Für den mittellosen Jack oder den reichen Hockley? Wenn Sie sich für Jack entscheidet, steigt sie gesellschaftlich ab. Wenn sie sich für Hockley entscheidet, wird sie in ihrem weiteren Leben ohne wahre Liebe leben müssen.

In dem Abenteuerfilm „Avatar“ muss sich der Ex-Söldner Jake Sully ebenfalls entscheiden. Zu welcher Gruppe will er gehören: Zu den ausbeuterischen Menschen oder zu dem Naturvolk der Navi? Wenn Jack zu den Menschen hält, dann wird er körperlich geheilt, doch das Volk der Navi wird leiden müssen. Wenn er sich auf die Seite der Navi stellt, dann wird er zwar geistig und seelisch gesund, doch er verstößt gegen sein Abkommen mit den Menschen.

In der Charakterstudie „Schuld und Sühne“ von Dosto­jewskij muss sich der Student Raskolnikow entscheiden, ob er sich der Polizei stellen soll oder nicht. Mit dem Sich-Stellen wird er zwar seiner Geliebten einen Gefallen tun. Er selbst wird aber viele Jahre in Haft verbringen müssen.

In dem Action-Film „Stirb langsam“ muss sich John McClane entscheiden, ob er weiterkämpft oder aufgrund seiner Verletzungen aufgibt.

In der Krimi-Serie „The Mentalist“ ist der Polizei-Berater Patrick Jane häufig damit konfrontiert: Bleibt er sich selbst treu oder verbiegt er sich? Damit verbunden ist die Frage, ob er aufgrund seiner frechen, unkonventionellen Methoden von seinen Vorgesetzten entlassen wird oder ob er weiter ermitteln darf?

In dem Thriller „Der Staatsfeind Nr.1“ (1998) wird der Anwalt Robert Clayton Dean mit der Frage konfrontiert: Wem kann er noch vertrauen? Stellt er sich den Behörden, wird er inhaftiert. Versteckt er sich, wird er gejagt.

Sie sehen: Ein Dilemma kann je nach Story und Grundidee viele Fragen aufwerfen. Es gibt aber einen zentralen Mechanismus, wie man ein Dilemma besonders elegant in die Handlung einbaut.

Der Mechanismus funktioniert folgendermaßen:

1. In der Exposition besteht noch kein Konflikt und kein Dilemma.

2. Erst im Mittelteil eines Werkes kommt ein innerer Entscheidungskonflikt auf. Die Figur ist gewissermaßen in zwei Welten gefangen.

3. In der Auflösung wird aus dem inneren Konflikt ein äußerer Konflikt, dermit einer oder mehreren Handlungen einhergeht. Die Figur muss sich für eine der beiden Welt entscheiden.

Dieser Mechanismus kann mit einer Reise verglichen werden: Eine Figur reist in ein Dilemma hinein, in einen sogenannten „Zwiespalt“, und muss sich dort wieder herauskämpfen. Ich will dies noch etwas genauer erklären. Am Anfang eines Dilemmas steht immer eine Idee. Eine Figur lässt sich zu dieser Idee verführen und glaubt an sie. Dann tritt eine Figur auf, die diese Idee erschüttert und der Figur eine neue Welt eröffnet. Die Figur ist neugierig und lässt sich darauf ein. Nun befindet sich die Figur zwischen zwei Welten. Am Ende erfolgt eine Entscheidung: für die erste oder die zweite Welt. Beide Welten besitzen jeweils für sich genommen Vor- und Nachteile.

Das Dilemma leitet sich immer von einer Grundüberzeugung, einer Weltanschauung der Figur ab. Das unterscheidet gute von schlechten Filmen. Es gibt natürlich auch Werke, die ohne ein weltanschauliches Dilemma auskommen und lediglich eine simple Entscheidung zwischen Gut und Böse für die Figur bereithalten. Die Welt ist jedoch komplex aufgebaut. Es gibt verschiedene Weltanschau­ungen, diverse Ideen und vielfältige Verführungen. Genau diesen Wettstreit der vielen Weltanschauungen will der Zuschauer oder Leser verfolgen.

Ich möchte Ihnen ein paar Werke mit Entscheidungssituationen vorstellen, die nicht einfach nach Gut und Böse unterscheiden …

Der Student Raskolnikow glaubt in „Schuld und Sühne“ an die Idee, anderen Menschen überlegen zu sein und andere einfach so töten zu dürfen.

Jack Sully glaubt in „Avatar”, dass er zu den überlegenen Menschen gehört, die mit den wilden Ureinwohnern tun dürfen, was sie wollen.

Rose in „Titanic“ glaubt nicht nur, sondern sie erlebt sogar, dass sie zu einer hierarchisch überlegenen Gruppe gehört, nämlich zur ersten Klasse auf dem Schiff.

Interessant und dramatisch besonders wirksam ist also eine Konstellation, in der es eine Gruppe gibt, die sich einer anderen überlegen fühlt. Die Mitglieder der überlegenen Gruppe könnten als Übermenschen bezeichnet werden, und genau diese Thematik des Übermenschen, der sich über andere erhebt, über sie urteilt und richtet, steht im Zentrum vieler großer Werke.

Besonders interessant ist eine Dramaturgie, in der ein eher durchschnittlicher Mensch in Kontakt mit einer solchen Weltanschauung kommt, der Ideologie verfällt und von ihr gefangen genommen wird. Und später dann eine andere Perspektive kennenlernt, sich entweder distanziert von der überheblichen Weltanschauung oder aber ihr treu bleibt und an ihr zugrunde geht.

Ich möchte dies anhand von zwei Beispielen belegen …

Der arme Student Raskolnikow verfällt der Ideologie des „Übermenschen“ und tötet eine Pfandleiherin, nicht allein um Geld zu nehmen, sondern um eine wertlose Person zu beseitigen. Erst als er die Prostituierte Sofia kennenlernt, eröffnet sich Raskolnikow eine neue Welt, in der es Liebe gibt und er für seine Sünden bezahlen muss. Er stellt sich der Polizei und geht in ein Gefangenenlager nach Sibirien.

Der Ex-Söldner Jake Sully, der dringend Geld für eine Operation benötigt, lässt sich von einem Bergbaukonzern anheuern, um Ureinwohner zu erforschen. Er denkt anfangs, er gehört zu einer überlegenen Gruppe. Doch allmählich öffnet ihm eine Ureinwohnerin den Blick dafür, dass er falsch denkt und ein falsches Bewusstsein besitzt. Jake wechselt die Seiten und kämpft für die Ureinwohner und gegen die Unterdrücker.

Die Überlegenheit einer Gruppe gegenüber einer anderen ist mehr als nur eine schematische Abgrenzung von Gut und Böse. Natürlich sehen wir als Zuschauer und Leser die Überlegenen als die „Bösen“. Aber was passiert, wenn ein Mensch, der sich eher als unterlegen erfährt und verzweifelt ist, in eine Position der Überlegenheit gerät und plötzlich Macht gegenüber anderen erhält? Was wird er tun? Wie wird er sich entscheiden?

Genau mit diesem Hineingeraten oder bereits Hineingeboren-Sein in eine Welt der Überlegenheit spielen viele großen Werke. Entweder scheitern die Figuren an ihrem Übermut (Citizen Kane, Vom Winde verweht) oder sie wechseln die Seiten (Schuld und Sühne, Avatar, Titanic).


[i] Zitiert aus: https://wortwuchs.net/dilemma/ (abgerufen am
5.1.2010)


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