Held oder Underdog?

Held oder Underdog?

Wohin tendieren Sie? Wollen Sie eher Geschichten von mutigen Helden erzählen oder Storys von Underdogs? Darüber sollten Sie sich im Klaren sein, denn dies ist eine wichtige Fragestellung. Es gibt ähnlich wie die zwei Typen des Erzählstils auch zwei grundsätzliche Typen von Figuren: Underdogs und Helden. Ich will diese beiden Figurentypen näher beschreiben. Was Helden ausmacht ist klar: Sie sind mutig, stark, kämpferisch und werden bewundert. Von Underdogs haben wir folgendes Bild: Sie sind schwach, anderen unterlegen und werden oft geringgeschätzt.

Was macht eigentlich Heldengeschichten aus? Sie handeln von universellen Figuren, die überlebensgroß sind. Fast jeder auf der Welt versteht sie. Viele Menschen können sich mit Helden identifizieren. Das ist auch der Grund, warum Heldengeschichten so erfolgreich sind. Sie folgen einem bestimmten Erzählschema, der sogenannten Heldenreise, die Christopher Vogler in „Die Odyssee des Drehbuch­schrei­bers“ oder Joseph Campbell in „Der Heros in tausend Gestalten“ beschrieben haben. Demnach absolviert der Held bestimmte, universelle Aufgaben, die eine Figur erst zum Helden macht. Heldengeschichten handeln anfangs gar nicht von Helden, sondern eher von Underdogs oder Durchschnittstypen. Erinnern Sie sich an Luke Skywalker? Bevor er zum Helden der Galaxis wurde, war er ein kleiner Farmerjunge. Oder was ist mit Jake Sully? Die Hauptfigur aus „Avatar“ war anfangs ein gebrochener, kaputter Mensch, also ein echter Underdog, bevor er in einem anderen Körper gesundete und ein Held wurde.

Beschäftigen wir uns mit den Geschichten von Underdogs genauer: Sie handeln von authentischen, also lebensechten Figuren. Die Figuren besitzen oft viele Facetten und können tiefgründig sein. Underdog-Geschichten untersuchen außerdem gerne die Sozialisation von Figuren, also die Vergangenheit. Viele Underdogs wollen etwas Großes erreichen, doch sie scheitern im Lauf der Handlung oder erreichen nur ein kleines Ziel. Viele Autoren beschäftigen sich mit Underdogs. Kleine Leute und Underdogs sind die zentralen Figuren im Kino des „Italienschen Neorealismus“, der französischen „Nouvelle Vague“ und des Osteuropäischen Kinos. Leider wurden die filmischen Geschichten dieser Strömungen weltweit nicht sonderlich bekannt.

Einige Autoren haben es jedoch geschafft mit Geschichten von Underdogs erfolgreich zu werden – und zwar vor allem im Bereich des Romans. Ich nenne Ihnen ein paar Namen: Gabriel García Márquez, Albert Camus, James Joyce und Toni Morrison. Ihnen fällt vielleicht auf, dass die Autoren, die von Underdogs schreiben, gleichzeitig auch dem beschreibenden Erzählstil folgen. Dies ist eine wichtige Erkenntnis. Der beschreibenden Erzählstil eignet sich ideal für „kleine Leute“ oder Underdogs. Der spannende Erzählstil hingegen ist ideal für überlebensgroße und starke Figuren, also ideal für Helden.

Was bedeutet das für Sie als Autor? Wenn Sie eine dramatische, spannungsvolle Geschichte erzählen wollen, dann sollten Sie mit dem Gedanken spielen, ob Sie nicht eine Art „Held“, also einen mutigen Menschen entwerfen oder einen, der zu einem solchen wird. Wenn Sie allerdings gerne beschreiben und das Alltägliche lieben, dann sollten Sie von durchschnittlichen, facettenreichen Figuren erzählen, die man als Underdogs bezeichnen könnte.

Auf der Rezeptionsebene geht es dabei entweder um Identifikation und Katharsis (Held) oder um distanzierte Beobachtung (Underdog). Warum ist das so? Heldengeschichten aus Hollywood oder aus den USA versuchen möglichst viele Menschen weltweit zu berühren und zu erreichen. Dies funktioniert über den Mechanismus der universellen „Heldenreise“. Geschichten von Underdogs sind in der Regel nicht kulturübergreifend interessant. Sie wecken Neugier für einen bestimmten Menschen und zielen auf ein Verständnis ab, das man dieser Figur entgegenbringen sollte.

Heldengeschichten sind deshalb gegenwarts- und zukunftsorientiert, während sich Geschichten von Underdogs viel mit der Vergangenheit beschäftigen. Die Vergangenheit will dabei immer ergründen: Warum ist eine Figur so und nicht anders geworden? Es geht also um Sozialisation, Erziehung und Prägung.

Ein echter Held hat zwar eine Vergangenheit, doch er lässt sie links liegen und überwindet seine Schwächen, um stark zu werden und über sich hinauszuwachsen. Helden sind also Figuren, zu denen wir aufgrund ihres Mutes hinaufblicken. Auf Underdogs blicken viele Menschen jedoch hinab. Manche verlachen sie sogar. Deswegen eigenen sich Underdogs ideal für Komödien.

Viele US-Autoren beschäftigen sich in Filmen und Romanen mit Heldenfiguren. Sie sind ideal für Blockbuster geeignet. Da sich das Erzählmodell der Heldenreise mittlerweile weltweit herumgesprochen hat, erschaffen immer mehr internationale Autoren übergroße Heldenfiguren. Diese Autoren wollen an dem Erfolgsmodell der Heldenreise teilhaben.

Was aber tun, wenn Sie keine Heldengeschichte erzählen wollen? Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Sie als Autor auch erfolgreich werden können, wenn Sie das genaue Gegenteil erzählen – also eine Geschichten von einem Underdog. Auch mit Figuren, die gering geschätzt werden, können sich viele Leser und Zuschauer identifizieren. Viele Menschen lieben sogenannte „Anti-Helden“ oder Underdogs. Und wenn Sie mit Ihren „kleinen Leuten“ dem beschreibenden Erzählstil folgen, dann sind Ihre Figuren auch noch im richtigen Element.

Einen kleinen Rat möchte ich Ihnen als ehemaliger Drehbuch-Lektor mit auf den Weg geben: Wenn Sie Geschichten von Underdogs erzählen und dabei von alltäglichen Vorkommnissen berichten (also dem beschreibenden Stil folgen), dann sollten Sie eher Romane oder Kurzgeschichten schreiben. Ich habe einige sehr schöne Drehbücher gelesen, die von Anti-Helden handelten und das normale Leben geschildert haben. Jedoch wurden diese Drehbücher nie verfilmt. Die Autoren hätten mehr Erfolg gehabt, wenn sie ihre Geschichte als Roman geschrieben hätten.

Wer Drehbücher schreiben will, der erhöht die Chance auf eine Verfilmung, wenn ein „Held“ darin vorkommt, der sich entwickelt und am Ende etwas Großes erreicht. Idealerweise folgt diese Geschichte der Drei-Akt-Struktur (also dem spannenden Erzählstil).

Geschichten sollten nicht mit Gewalt in das Modell der Heldenreise gepresst werden, nur weil ein Autor auf Erfolg aus ist. Man sollte das Modell der Heldenreise dort anwenden, wo es Sinn macht. Das sind in erster Linie Abenteuergeschichten, wie „Der Herr der Ringe“ oder „Star Wars“. Denn aus Mythen und Abenteuern entstand das Modell der Heldenreise ursprünglich. Es gibt jedoch Lehrer, die dieses Modell auf alle Genres und auf jeden Geschichtentyp anwenden und ihre Schüler dazu animieren, dementsprechende Geschichten zu erzählen. Das kann manchmal tatsächlich funktionieren, oft aber auch nicht. Warum sollte eine Lovestory oder ein Krimi nach dem Model der Heldenreise konzipiert werden?

Mein Tipp lautet: Folgen Sie dem Modell, das Sie verstehen und das für Ihre Geschichte geeignet ist. Das Modell der Heldenreise eignet sich meiner Ansicht nach in erster Linie für Abenteuergeschichten. Es kann außerdem auf viele Thriller und Actiongeschichten angewendet werden. Wer jedoch Biografien, Liebesgeschichten und Krimis schreibt, sollte eher der inneren Logik der Geschichte folgen als dem Modell der Heldenreise.

Das Modell der vier Basis-Charaktere, das Sie in diesem Buch kennenlernt haben, eignet sich als universelles Figurenmodell. Sie können damit sowohl Helden als auch Underdogs und jede Art von anderen Figuren formen.


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