Krimi-Konstruktion

Krimi-Konstruktion

Logische Konstruktion eines Krimis

Ein Krimi ist wie Mathematik. Zumindest gleichen viele Krimis Denksportaufgaben. Denn es werden bei vielen Krimis am Anfang Spuren, Zeugenaussagen und Informationen erwähnt, die nur einen bestimmten Schluss zulassen. Dieser Schluss muss nicht richtig sein, doch der Schluss und die Auflösung der Frage (Wer der Täter ist?) sollte immer logisch erscheinen und nicht vollständig abwegig sein.

Wenn es an der Plausibilität grob mangelt, findet der Leser oder der Zuschauer das Werk lächerlich oder einfach nur schlecht. Ein Krimi sollte einem Rätsel gleichen. Der Leser oder der Zuschauer sollte außerdem eine gewisse Chance haben, auf den Täter zu kommen.

Wie löst man also einen Krimi auf? Die Grundvoraussetzung ist, dass man sich als Autor über die Tat im Vorfeld Gedanken gemacht hat. Der Autor kennt also immer genau die Lösung, bevor er zu schreiben anfängt. Wenn die Lösung feststeht, muss der Autor das Geschehen verrätseln. Er muss also andere Verdächtige, verschiedene Spuren und mehrere Motive erschaffen, um vom eigentlichen Mord abzulenken.

Wie macht man das? Man muss sich konkret eine Situation vorstellen. Natürlich kann jeder Autor vorgehen, wie er will. Doch es gibt ein bestimmtes System der Verrätselung, das ich hier vorstellen möchte, und das gut funktioniert. Hierzu ein Beispiel: Eine Frau soll von ihrem Mann (Wer?) aus Eifersucht getötet werden (Warum?).

Nach dieser Annahme stellen Sie sich genau vor, wie das alles geschehen soll. Sie begeben sich auf die Seite des Mörders und planen den Mord.

Der Mord soll im Wald geschehen (Wo?). Der betrogene Mann hat sich hierfür eine Pistole besorgt (Womit?)  Aber Moment: Fällt der Verdacht dann nicht auf ihn? Nein, also das geht nicht. Es muss wie ein Unfall aussehen oder wie ein Raub, der schiefläuft.

Der Autor entscheidet sich für den Raub. Der Mörder wartet auf den Tag, an dem die Frau bei dem Mann zuhause (Wo?) ist und übernachtet. Dann bricht er dort ins Wohnzimmer ein. Er macht absichtlich ein Geräusch, worauf beide aufwachen. Zum Beispiel könnte er eine Vase umwerfen.

Der Hausherr geht runter ins Wohnzimmer, macht das Licht an und wird erschossen. Dann geht der betrogene Ehemann ins Schlafzimmer und erschießt dort seine Frau. Danach flüchtet der Täter mit geringer Beute. Denn er will es ja so aussehen lassen, als ob er unerwartet erwischt worden wäre. Jetzt benötigt der Täter noch ein ausgeklügeltes Alibi.

Dazu erfindet der Autor eine spezielle Situation: Zum Beispiel könnte der Mann gerade einen Film im Kino ansehen. Jeder Besucher wird am Eingang und am Ausgang gefilmt (von einem Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite). Nur über die Toilette des Kinos kann man, ohne von der Kamera gefilmt zu werden aussteigen, muss sich aber extrem beeilen, um in 90 Minuten zum Tatort zu gelangen und wieder zurückzukehren (Wie?).

Somit hätten wir als Autor einen plausiblen Mord entwickelt. Nun geht es daran, diesen Mord einem anderen in die Schuhe zu schieben. Zum Beispiel ist die Frau selbständig. Sie hat einen Geschäftspartner, der eine Lebensversicherung auf seine Kollegin laufen hat. Für den Fall der Fälle. Damit die Firma abgesichert ist. Ihm will der Ehemann die Tat anlasten. Die Tatwaffe muss ihm so untergeschoben werden, dass sie irgendwann auftaucht. Außerdem muss der Mann oder besser noch die ganze Firma in Finanzproblemen stecken. Zu viele Verdachtsmomente dürfen es allerdings auch nicht sein.

Dann könnte es noch einen weiteren Verdächtigen geben: den Bruder des Opfers. Er erschien zufällig am selben Tag im Büro der Frau und wollte Geld von ihr. Sie haben sich sogar gestritten. Der Bruder ist der erste Verdächtige für den Kommissar.

Jetzt besitzen Sie als Autor ein ungefähres Handlungsgerüst. Nun kann die Tat entdeckt werden und die Filmhandlung kann beginnen…

Der Kommissar taucht mit seinem Team am Tatort auf. Der Ehemann wird benachrichtigt und befragt. Reine Routine. Der Hintergrund der Frau wird ermittelt. Wer war sie? Warum hat sie ihren Mann betrogen? Ist der Mann vielleicht der Mörder? Es sieht jedoch nach einem gescheiterten Raub aus? Gibt es noch Täter mit einem anderen Motiv? Wie sieht es mit dem Alibi aller Beteiligten aus? Die Handlung nimmt ihren Verlauf.  

Wichtig wird für den Kommissar die Klärung all seiner Fragen sein: Das WOMIT? Das WIE? Das WARUM? Das WANN? Und zuletzt: Das WER? Es wird spekuliert und überlegt. Es wird nachgeforscht und nach Spuren gesucht. Dies ist normale Ermittlungstätigkeit.

Sie sehen: Sie müssen als Autor zuerst zum Täter werden und eine Tat erschaffen. Danach wird sie verrätselt (ein anderer wird verdächtigt) und verschlüsselt (Spuren werden verwischt). So gehen Krimi-Autoren bei der Konstruktion ihrer Geschichten in der Regel vor. Genau so können Sie eine Handlung erschaffen, die plausibel erscheint. Nur wenn Sie als Autor bereits im Vorfeld den Mörder kennen, können Sie die Tat spannend aufziehen und spannende Wendungen einbringen, die den Ermittler und den Zuschauer in die Irre führen.

Vorankommen und Hindernisse

Wenn nach bereits fünf Minuten der Ermittler den Fall löst, dann ist der Krimi vorbei und die Geschichte ist zu Ende erzählt. Wollen Sie das? Will das Ihr Leser oder Ihr Zuschauer? Nein. Der Leser will vielmehr auf einem hohen Niveau unterhalten werden.

Dazu gehört es, dass ein Krimi nicht vorschnell sein Ende erreicht, sondern über weite Strecken die Spannung hält. Erst wenn der Täter gefasst ist, sinkt die Spannung und der Krimi darf enden. Wie verzögert man also eine Handlung? In der Dramaturgie wird hierfür der Begriff „retardieren“ (den Ablauf verzögern) benutzt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten den Ablauf einer Handlung zu retardieren.

1.Der Täter darf nicht sofort gefasst werden, sondern erst kurz vor dem Ende.

2. Entweder müssen noch andere Verdächtige als der Täter her. Oder aber: Wenn es nur einen Verdächtigen gibt, muss es viele falsche Spuren, Lügen und fehlerhafte Informationen geben, die den Ermittler in die Irre führen.

3. Immer gibt es falsche Spuren, die rein zufällig am Tatort sind, bewusst gelegt wurden oder rätselhaft erscheinen. Natürlich gibt es darunter auch richtige Spuren, die den Ermittler weiterbringen.

4. Es gibt bei Zeugen und Verdächtigen immer falsche und richtige Aussagen. Das können korrekte Wahrnehmungen sein, aber auch widersprüchliche Aussagen, sowie Lügen und Halb-Wahrheiten.

5. Der Ermittler und sein Team können aufgrund einer falschen Annahme oder Theorie in eine völlig verkehrte Richtung ermitteln. Daraus resultiert auch Verzögerung. Richtige Annahmen oder Entdeckungen bringen die Ermittlung hingegen weiter. 

6. Es gibt außerdem falsche und richtige Informationen. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand eine Datenbank manipuliert hat, um eine Spur zu verwischen. Die ganze Verschwörung könnte beispielsweise bis in höchste Regierungskreise reichen.

7. Handlungsverzögerung kann auch erreicht werden, wenn wichtige Spuren, Infos oder Verdächtige verschwinden. Zum Beispiel begeht ein wichtiger Zeuge Selbstmord. Oder war es Mord? Auf jeden Fall erschwert dies die Ermittlung.  

8. Ein Ermittler kann eher aktiv oder passiv sein. Manche Ermittler besitzen ein hohes Maß an Eigeninitiative und kommen in ihren Ermittlungen schnell voran. Ein Einzelermittler sollte in seiner Tätigkeit und seinem Vorwärtskommen allerdings nicht allzu schnell sein. Bei einem Team, das mehrere Spuren verfolgen und mehrere Verdächtige verhören und verfolgen kann, darf das Erzähl- und Ermittlungstempo deutlich höher sein.

Sie sehen: Ermitteln ist eine Mischung aus Vorwärtskommen und Rückschritten. Als Autor müssen Sie verschiedene Hindernisse für ihre Figuren aufbauen. Wenn aber ein Ermittler sehr lange überhaupt nicht mehr weiterkommt, gerät die Handlung ins Stocken. Der Leser oder der Zuschauer steigt aus. Er will ja auch miträtseln und mitfiebern. Nicht nur der Ermittler benötigt Erfolgserlebnisse, nein, auch der Rezipient braucht diese.

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