Want & Need

Want & Need

Want und Need im Krimi

Ein Ermittler kann am Ende etwas anderes erhalten als das, was er anfangs erwartet hat oder wollte. Das was jemand will (das Figurenziel) wird in der amerikanischen Drehbuchlehre auch als „Want“ bezeichnet. Ganz am Ende, und das ist die völlig überraschende Wendung, erhält die Figur etwas anderes als das, was die Figur erwartet hätte. Dies wird auch als „Need“ bezeichnet. Es bezeichnet das, was die Figur benötigt oder braucht.

Eine rachsüchtige Figur will Rache. Vielleicht bekommt die Figur auch ihre Rache, aber der Zuschauer sucht auch nach einem zufriedenstellenden Ergebnis, einem logischen Ende. Die Figur kann durch ihre Rache entweder zugrunde gehen, also sterben. Oder aber sie kann sich erneuern, indem sie zum Beispiel die Liebe oder eine wichtige neue Aufgabe entdeckt.

Ein desillusionierter Cop ertränkt sein Leben beispielsweise in Alkohol wie in „16 Blocks“. Jack Mosley, der Cop dieses Films, wird außerdem von seinen Kollegen gedemütigt. Er kann jedoch durch eine wichtige Aufgabe von seinem bisherigen Ziel (Want) abkommen und am Ende Genugtuung erfahren (Need), indem er mithilft, dass einige korrupte Cops angeklagt werden. 

Das Want-und-Need-Modell ist jedoch kein „Muss“ im Bereich des Krimis. Viele Kriminalgeschichten kommen ohne ein „Need“ aus. Cop oder Kommissar machen einfach ihre Arbeit weiter wie bisher – so ist das Ende vieler Krimis.

Die Maske des Täters

Bei Kriminalgeschichten sollte besondere Aufmerksamkeit auf die Zeichnung des Verbrechers gelegt werden. Der Ermittler (Hauptfigur oder Protagonist) hat es mit einem gerissenen Gegner (Antagonist) zu tun. Der Verbrecher übt seinen Job mit der gleichen Professionalität aus wie der Cop. Der Unterschied besteht darin, dass beide zu unterschiedlichen Lager gehören. Der Verbrecher findet nichts dabei, Schlechtes zu tun. Ein Gegner sollte außerdem nicht nur abgrundtief schlecht sein. Er sollte vielmehr etwas besitzen, das ihm Charme und Sympathie verleiht.

Der Täter ist gegenüber dem Cop und allen anderen Figuren ein außerordentlich guter Schauspieler. Nur so kann er den Cop und die anderen Figuren über weite Strecken täuschen. Manchmal durchschaut der Cop den Täter gleich von Beginn an. Manchmal aber nicht und der Cop ermittelt zuerst in verschiedene falsche Richtungen.

Ein genialer Ermittler hingegen hat den Täter von Beginn an im Visier. Das ist fast immer bei „The Mentalist“ oder „Columbo“ so, aber auch bei dem genialen Polizisten Hercule Poirot von Agatha Christie.

Ganz am Ende reißt der Cop dem Täter die Maske herunter und der Täter zeigt sein wahres Ich. Ein menschlicher und moralischer Abgrund tut sich auf, doch der Fall ist gelöst. Die Szene, in der der Ermittler dem Täter die „Maske herunterreißt“, ist gleichzeitig auch die Szene der Überführung und der Festnahme.

Ermittlung ist Analyse

Um Analyse geht es nicht nur bei Krimis, sondern auch bei Gericht-Stories und bei Anwaltsgeschichten. Analyse heißt, dass man einen Vorgang in seine einzelnen Bestandteile zerlegt und zum Beispiel ein Verbrechen rekonstruiert. Krimis sind also analytische Erzählungen. Wer als Autor einen Krimi oder eine Gerichtsstory entwickelt, sollte, bevor er zu schreiben beginnt, die Kausalität der Ereignisse genau kennen.

Viele Autoren benutzen dazu eine Pinnwand mit einem Zeitstrahl. Wenn der Krimi einen Mord behandelt (und keine Vermisstenmeldung oder Entführung), dann liegt der Mord ungefähr in der Mitte des Zeitstrahls. Der Krimi-Autor muss von hier ausgehend verschiedene Beteiligte als mögliche Täter mit verschiedenen Motiven erfinden. Auch Zeugen müssen auftauchen sowie Details, die den Täter oder die Verdächtigen belasten.

Die Pinnwand des Autors wird immer voller, bis er irgendwann beginnen kann, seine Handlung niederzuschreiben. Wichtig ist, dass zu Beginn der Aufklärung des Falles die Kausalität durcheinandergewirbelt wird (zum Teil durch falsche Wahrnehmungen, Einschätzungen, Aussagen und Beweise). Im Verlauf der Ermittlung gelingt es dem Ermittler, die verschiedensten Indizien und Aussagen zu ordnen und die Kausalität mühevoll zu rekonstruieren.  

Krimis sind also analytische Erzählungen. Der wohl berühmteste erzählerische Vater aller Kriminalhandlungen ist die antike Tragödie „König Ödipus“. Diese Erzählung von Sophokles (496–405 v.Chr.) ist der strukturelle Vorläufer aller Gerichts- und Kriminalgeschichten. In der berühmten Theater-Tragödie deckt König Ödipus sukzessive auf, wer bestimmte schwere Verbrechen begangen hat.

Auch gibt es einen Ermittler, der nach verschiedenen Anhaltspunkten für ein Verbrechen sucht, bis er ein klares Bild der Abläufe besitzt und den wahren Schuldigen erkennen und überführen kann. Im Fall von „König Ödipus“ war der Täter der König selbst, der unwissend seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete.

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